Ein schwedischer Polizist ist entsetzt über die Prostitution in Deutschland
Simon Häggström leitet die Prostitutionsabteilung der Stockholmer Polizei. Zur Zeit ist er in
Deutschland unterwegs und postet Fotos von Großbordellen auf Instagram. Sexkauf ist in Schweden verboten. Umso schockierender ist für ihn, was er in Deutschland sieht.
Er kommt sich offenbar vor wie im falschen Film. 15 Tage lang reist Simon Häggström durch
Deutschland. 15 Städte in 15 Tagen. Der Kriminalkommissar aus Stockholm ist auf Lese- und
Diskussionsreise. Er war in Leinfelden-Echterdingen, Leipzig, Berlin und Augsburg. Und fast überall macht der 43-Jährige auf seinem Weg durch Deutschland Fotos von riesigen Bordellen, deren Namen meist in bunten Lettern neonhell in die Nacht leuchten. Er hat das „Luxor“ in Leinfelden-Echterdingen und in Berlin das „Artemis“ fotografiert. Außerdem die Verrichtungsboxen in der Bundeshauptstadt, runtergekommene Toilettenhäuschen, in denen Prostituierte für ein paar Euro Freier bedienen.
Häggström postet Bordellbilder
All das teilt der Schwede auf seinem Instagramaccount – wohlwissend, dass in Deutschland
Prostitution legal ist und das Land mit seiner liberalen Prostitutionsgesetzgebung als Bordell Europas gilt. „Das ist krank und unter aller Menschenwürde“, kommentiert er die sogenannten Fucking Toilets in Berlin. Weil der Straßenstrich so außer Sichtweite gerät, gelte das als Erfolg. Häggströms Blick darauf ist der von jemandem, der davon überzeugt ist, dass in einer Gesellschaft, in der Männer und Frauen gleichberechtigt sind, Prostitution keinen Platz hat.
Dabei ist Häggström keineswegs naiv. Er leitet die Prostitutionseinheit der Stockholmer Polizei. Häggström berichtet von seinem Arbeitsalltag. „Auf der Seite der Frauen“ heißt das Buch, in dem er von seinen Ermittlungen im schwedischen Rotlichtmilieu erzählt. An diesem Donnerstag macht er in Ludwigsburg um 19 Uhr in der Friedenskirche Station, am 16. März um 18 Uhr in der Pauluskirche in Stuttgart-Zuffenhausen. Häggström kennt die brutalen Seiten des Geschäfts. Er berichtet aus einem Land, das 1999 beschlossen hat, seinen Blick zu verändern. Auch wenn in seinem Heimatland das sogenannte Nordische Modell gilt, heißt das nicht, dass es dort keine Prostitution mehr gibt. Im Unterschied zu Deutschland, so Häggström, ist dort aber seither keine Prostituierte ermordet worden. Für die Frauen sei das Leben sicherer geworden.
Weil der Sexkauf verboten ist und sich Freier und nicht die Frauen strafbar machen, gehen er und sein Team auch nur gegen Freier vor. Sie durchforsten Onlineportale nach einschlägigen Angeboten und fahren dort auch hin. Sie treffen auf Frauen wie Anna, die im sechsten Monat schwanger ist und deren Arbeitstelefon, wie sie es nennt, nicht still steht. Vor Hotelzimmern und Wohnungen wartet Häggströms Team, bis die Freier auftauchen. Sie erleben junge Frauen, die aus Armut für ein besseres Leben nach Schweden gekommen sind . Alle eine, dass sie extrem verletzlich seien. Eine Frau hatte ihr Baby dabei.
Schambesetzte Verhaftung
Häggström kommt immer mit Sozialarbeitern. Wenn die Frauen es wollen, helfen sie beim Ausstieg – und in ein neues Leben. Die Prostituierten behalten das Geld aus dem Sexkauf. Männer kassieren eine Geldstrafe und seit 2022 immer mindestens einen Monat Haft. Zuhälter werden ebenfalls bestraft. „Beim Sexkauf erwischt zu werden, gehört in Schweden zu den am meisten mit Scham besetzten Verbrechen“, sagt der Kriminalkommissar.
In den vergangenen 25 Jahren habe sich in Schweden der Blick auf gekauften Sex verändert. Kein Junge glaube mehr, Frauen seien eine käufliche Ware. Über 500 Männer haben sie letztes Jahr verhaftet. Darunter im Sommer auch deutschen Touristen.
Kommissar auf Lesereise
Auftritte
Am 13. März, 19 Uhr, kommt Simon Häggström in die Friedenskirche nach Ludwigsburg und am
Sonntag, 16. März, 18 Uhr, nach Stuttgart-Zuffenhausen in die Pauluskirche.
Quelle: Hilke Lorenz in der Stuttgarter Zeitung vom 12. März 2025